|
Comics und Konsumkultur
Comics waren für die Zeitungen die wichtigsten Träger der Publikumsbindung.
Die Popularität der Figuren machte sie zu einem alltäglichen
Gesprächsthema, dem sprichwörtlichen Talk of the Town.
Mit großer Anteilnahme wurden die Geschichten der Figuren verfolgt.
Besonders seitdem es soap
operas gab, hatten Hochzeiten oder andere Ereignisse berühmter
Charaktere einen hohen Stellenwert. Redewendungen aus Comics wurden zu
geflügelten Worten und die Figuren fand man auf Anzeigen, Tassen,
Postkarten und sämtlichen anderen vorstellbaren Merchandiseprodukten.
Die Leserschaft der Comics und damit auch die Inhalte wandelten sich analog
zur Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft. Während um die Jahrhundertwende
das Immigrantenmilieu dominierte, schob sich in den 1920er Jahren langsam
der Mittelstand in den Vordergrund. So liest der kleinbürgerliche
Protagonist Babbitt im gleichnamigen 1922 erschienenen Roman von Sinclair
Lewis selbstverständlich die damals populäre Serie Mutt
and Jeff.
Die geringe Analphabetenquote in den USA fast 90 Prozent der Bevölkerung
konnten um 1900 lesen führte dazu, dass ein ansehnlicher Teil
des Einkommens für Zeitungen ausgegeben wurde. Aber nicht nur die
Arbeiterklasse, auch die Mittelklasse gehörte zu den Lesern von Comics.
Allerdings gewann das Lesen zunehmend Bedeutung als Distinktionsmittel
und es wurden zielgruppenspezifische Angebote gemacht. Im bürgerlichen
Ladies Home Journal erschienen zwischen 1906 und 1912 einige Artikel
die gegen die Comics gerichtet waren.
Um die sich wandelnde Bedeutung der Comics für die Leser deutlich
zu machen, folgen nun vier thematische Beispiele:
Das erste Thema auch eins der ersten des neuen Mediums Comic
ist das ärmliche Stadtleben, hier am Beispiel des Strips
Hogans
Alley, in dem auch das Yellow
Kid das erste Mal auftauchte. Die Folgen spielen in den New Yorker
Armutsvierteln, die meist von Immigranten bevölkert waren. Die Armut
und die eben diese kontrastierenden Kinderspiele als Prinzessinnen und
ähnliches waren das zentrale Thema, aus dem der Humor gewonnen wurde.
Wenn in diesem Comic auch nicht so sehr mit den schlechten Englischkenntnissen
der Einwanderer gespielt wurde, wie das in The
Katzenjammer Kids der Fall war, so wurden doch kulturelle Unterschiede
deutlich. Die Leserschaft von Hogans Alley beschränkte sich
nahezu ausschließlich auf New Yorker, dabei aber sowohl auf solche
die die bedrängten Verhältnisse selbst erlebten, als auch auf
Kritik an den Zuständen übende Bürgerliche. Das Verlangen
nach sozialem Ausgleich und die Wohlstandsverheißung wird im nächsten
Themenkomplex deutlicher.
Sozialer Aufstieg ist das zentrale Element der amerikanischen (Einwanderer-)
Gesellschaft. In den Comics Bringing
Up Father von 1913 und Little
Orphan Annie von 1924 wurde er thematisiert und beim ersten Werk als
humorvoll betrachtet, während er im zweiten Comic ein Grund für
Melodramatik ist. Die neureiche, irischstämmige Familie in Bringing
Up Father zeigt die Probleme der Adaption an den Wohlstand. Der Vater
der Familie fühlt sich in Anzug und Villa nicht so recht wohl und
muss immer wieder von seiner resoluten Frau und der hübschen Tochter
an sein standesgemäßes Verhalten erinnert werden. Dabei locken
immer wieder die Kumpel mit Whiskey und Kartenspiel. In Little Orphan
Annie entspinnt sich eine klassische from-rags-to-riches -Geschichte.
Mit Fleiß und Ehrlichkeit wird schon alles in Ordnung kommen. Gleichzeitig
ist Armut moralisch besser als Reichtum. Hier zeichnete sich ein wichtiger
Teil der amerikanischen Ideologie ab. Besonders in der Zeit der Depression
erklärte die Hauptfigur Annie in langen Monologen ihre Weltsicht.
In den 1920er Jahren wurde das Automobil zum Rückgrat der amerikanischen
Wirtschaft und die individuelle Mobilität zu einem wichtigen sozialen
Merkmal. Im seit 1918 erscheinenden Comic Gasoline
Alley spiegelt sich diese Mobilisierung wieder. Erst war das Auto
ein etwas elitäres Luxusgut, in dem sich die reicheren Leser der
den Strip
veröffentlichenden Chicagoer Zeitung fanden, dann wurde es zu einer
alltäglichen Ware für die Mittelklasse. Das Auto wurde zum Statussymbol
und zu einem Ding, über das die Stellung in der Gesellschaft definiert
wurde. Die verschiedenen Autotypen wurden in den Strip
eingebaut und als Mittel für den Humor genutzt. Später, je normaler
die Wagen wurden, stellte die Familiengeschichte die Rahmenhandlung, das
Auto als Element der Konsum- und Freizeitkultur kommt aber immer wieder
vor, sei es für Einkaufstrips oder Landpartien.
Mit den soap
operas die populärsten waren The
Gumps von 1917 und besonders Blondie
von 1930 entstanden Werke die exemplarisch das Leben des Mittelstandes
zeigten. Alles ging seinen Gang. Man fand Jobs und eine Liebe die geheiratet
wurde, um danach Kinder zu bekommen. Der Mann war berufstätig, die
Frau verbrachte den Tag im Eigenheim. Natürlich gab es Konflikte,
denn aus ihnen speiste sich der Humor. So durfte Dagwood Bumstead Blondie
nicht heiraten, weil sie nicht high class genug war. Er wurde nach
der durchgesetzten Heirat von seiner Familie verstoßen und musste
nun einen Job suchen. Einerseits wurde also das Bild einer heilen, idealen
Familienwelt aufgebaut, andererseits mit Realismus hintergründige
Kritik geliefert. Besonders deutlich wird dies, wenn man die Handlung
aus der Entfernung betrachtet. Die gesamte sich langsam entwickelnde Rahmenhandlung
zeigt die Mittelstandsfamilienideologie, während in den einzelnen
Strips
die Komik gerade aus Verstößen oder Inkompatibilitäten
entsteht. Aus Sicht der Verleger waren diese Comics vorgesehen, den Mittelklasse-Familienvater
nach der Arbeit zu Hause kurz zu erheitern, aber nicht zu beunruhigen.
Diese Comics wurden aber genauso, wenn nicht sogar mehr von Frauen gelesen.
Sie sind vom Konsumenten aus betrachtet geschlechtsneutral, führten
aber die klassischen Geschlechterrollen vor.
In den Comics wurde der American way of life entworfen, gepflegt
und später in den 1960er und 70er Jahren dann auch kritisiert. Als
wichtiger unterhaltender Teil des Massenmediums Zeitung verknüpften
sie Werte und Normen mit durch humorvolle Darstellung vermittelter Kritik.
Diese sollte aber immer die Gültigkeit der Werte betonen und nicht
diese anzweifeln.
|