Wie funktioniert ein Comic?

Jede Erzählung, ob nun eine graphische oder eine literarische, verdichtet Zeit. Ereignisse werden in eine oder mehrere Reihenfolgen gestellt und verknüpft. Die Erzählzeit im Comic wird durch die Panels getragen. Ein einzelnes Panel beschreibt einen vom Erzähler aus der Erzählzeit heraus genommenen Moment. Es ist somit nicht möglich, mit nur einem Panel einen Ablauf von Geschehnissen, eine fortlaufende Handlung oder einen zeitlichen Rahmen darzustellen. Eine Ausnahme hiervon bildet der Dialog in den Textblasen, dessen Äußerung – im Gegensatz zur abgebildeten Zeit, die gleich null gesetzt werden kann – einen gewissen zeitlichen Rahmen beansprucht. Ebenso sind die Bewegung signalisierenden Speedlines ein Mittel um einen kurzen Zeitablauf in einem Panel darzustellen. Für die Schilderung eines Ablaufs von Geschehnissen ist eine Sequenz von Panels notwendig, mindestens also zwei. Wie die Folge eines Films, der 26 Bilder in der Sekunde zeigt und damit den Eindruck von Bewegung erweckt, erzeugt eine Sequenz von Panels den Eindruck von fortlaufender Zeit. Zur Illustration: Eine Szene aus Little Nemo.
Der Ablauf der Zeit wird immer vom Betrachter in Relation zu seinem Erfahrungswissen gesetzt. Der Hiatus, das Intervall zwischen den Panels, welches vom Künstler keine visuelle Beachtung erhält, muss vom Leser mit dessen Vorstellung des Ablaufs von Ereignissen gefüllt werden. Bei diesem Induktion genannten Vorgang verlangt der Comic dem Leser mehr ab als der Film seinem Betrachter, wo diese „Ausfüllung“ nur beim Szenenwechsel geleistet werden muss. Jeder einzelne Sprung von einem Panel zum nächsten setzt die für das Verständnis der Sequenz wichtige Überbrückung des Hiatus voraus. Die Fülle der eingesetzten Ausschmückung bleibt dem Leser selbst überlassen, da er zwar den zeitlichen Rahmen der Handlung vorgegeben bekommt, sein Lesetempo aber selbst bestimmen kann.
Vom Vorwissen des Lesers abhängig ist ein weiteres dem Comic eigenes Ausdrucksmittel: die Vermittlung von Inhalten durch grafische Zeichen – durch Symbole und Bilder. Letztere sind die Darstellung von Dingen aus der realen Welt durch einen mehr oder weniger realistischen Zeichenstil, d.h. eine Zeichnung oder ein Zeichen, das dem Abgebildeten ähnlich ist. Dem Leser ist es möglich, den Inhalt der Abbildung zu erschließen, indem die Ähnlichkeit der Zeichnung mit dem abgebildeten Objekt erkannt wird. Auch eine abstrahierende Zeichnung – beispielsweise der Cartoon – ist hier einzuordnen. Besonders bei Gesichtern oder Gesichtsausdrücken lässt sich diese Abstraktion beobachten. Der Comic kann so sehr gut Emotionen verdeutlichen.
Symbole hingegen sind von vornherein festgelegte Zeichen, die einen bestimmten Inhalt transportieren, ohne dass sie diesem Objekt in irgendeiner Weise grafisch ähnlich sein müssen. Zeichner und Leser müssen allerdings beide um den Inhalt des Symbols wissen, welches durch wiederholten Gebrauch zur Konvention geworden ist. Als Beispiel seien hier politische Symbole wie Hammer und Sichel oder das Hakenkreuz angeführt. Ebenso sind die Freiheitsstatue, Stars and Stripes oder Uncle Sam Symbole für amerikanische Werte. Im Comic ist eine eigene stereotypisierende Symbolsprache entstanden. Gut und Böse, Held und Verbrecher sind meist recht klar zu unterscheiden. Zur Illustration: Will Eisner: Charaktertypen.
Die Verbindung von Bild und Wort zu einer die Erzählzeit tragenden Einheit, die Aneignung durch den Betrachter und die Abstraktion von Emotionen, Handlungen und Charakteren sind die typischsten Elemente des Comics. Wenn nun noch Produktion und Rezeption, siehe hierzu: Comics und Gesellschaft, hinzugenommen werden, entsteht ein deutlicheres Bild vom Comic als Massenmedium.