Entstehung des Comics als Kunstform

Die Entwicklung des Comics in den USA bis zum Zeiten Weltkrieg kann man in vier Phasen einteilen. Die erste dauerte bis ca. 1900. Hier hat sich der Comic als fester Teil des Mediums Zeitung etabliert, sich aber noch nicht als eigenständige Kunstform entwickelt. Die zweite Phase dauerte bis ca. 1910. Die Bildsprache und andere Erkennungsmerkmale des Comics haben sich nach zahlreichen Experimenten verfestigt. In der dritten Phase bis 1920 entstanden die durchstrukturierten Fertigungsprozesse, also eine Comic Industrie. Ab 1930 begann die Suche nach neuen Inhalten und Themen, außerdem kam das comic book als von den Zeitungen unabhängige Ware auf den Markt.
Nachdem aus den Cartoons und Bildgeschichten in einem fließenden Übergang der Comic entstanden war, erwartete das Publikum diese Art der Unterhaltung. Die Sonntagsseiten enthielten eine bunte Mischung von Cartoons, also Einzelbildern, Bildgeschichten in allen möglichen Formen und Varianten sowie mit regelmäßig auftretenden Charakteren. Das zentrale, ihnen gemeinsame Element war das Streben nach einer Verschmelzung von Wort und Bild.
Außerdem entwickelte sich in dieser ersten Phase die wachsende Nachfrage durch das Publikum und es entstanden populäre Charaktere sowie das Fortsetzungsprinzip, welches allerdings noch nicht eine Handlung über mehrere comic strips beinhaltete, sondern nur dieselben Charaktere immer neue in einer Folge abgeschlossene Pointen erleben ließ. Ansonsten konnte ein Comic – nicht einmal der Name stand schon fest – noch vieles sein: Eine einzelne Zeichnung mit mehreren Handlungsebenen und Text in vielen Arten und Formen, darunter erstmals die Sprechblasen, ein regelmäßig sonntags erscheinender Bilderbogen mit einzelnen Panels oder ein satirisch-politischer Kommentar zu gerade aktuellen Ereignissen.
Erst in der zweiten Phase, und hier besonders mit dem Aufkommen von täglich erscheinenden comic strips, begann sich die Form des Comics zu standardisieren. Innovationen, wie die Darstellung einer fortlaufenden Handlung über mehrere Erscheinungstage oder sogar Wochen und Monate, bildeten die erzählerische Form, während die zeichnerische Form, wie Panels, Bubbles, Symbole (z.B. Sternchen für Schmerzen) und Speedlines, sich bis zum Ende dieser Phase als comictypisch etabliert hatte. Die Übersteigerung und das Vereinfachen von Charakteren kamen ebenfalls auf. Emotionen konnten mit diesen Mitteln deutlich gemacht werden und der Erfolg der Comics zeigt, dass dies auch auf das Publikum übersprang.
Einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung des Comics als Kunstform leisteten Zeichner wie Winsor McCay, George Herriman und Lyonel Feininger. Sie experimentierten mit Schnitttechniken und Perspektiven, die sie beim gerade populär werdenden Film entlehnten. Ebenso führten sie neue Inhalte ein. Außerdem setzten sie sich intensiv mit der aktuellen Bildenden Kunst auseinander. Während sich in McCays Little Nemo der Jugendstil und in Herrimans Krazy Kat der Surrealismus wieder findet, erinnern manche Zeichnungen Feiningers an den Kubismus. Einen skurrilen, einmaligen Einfall hatte Gustave Verbeck 1903 mit seinen Upside Downs. Hier begann eine Geschichte – wie üblich – links oben und man las sie bis zum unteren rechten Panel, danach konnte man das Blatt um 180 Grad drehen und die Geschichte in selbigen – nun auf dem Kopf stehenden – Panels mit neuem Text fortsetzen. Diese Methode hielt Verbeck nur ein Jahr durch. Sie zeigt aber den experimentellen Umgang mit dem Medium in dieser Zeit.
Die dritte Phase in der Entwicklung des Comics ist weniger von zeichnerischen oder inhaltlichen Innovationen gekennzeichnet, sondern eher durch die Etablierung dieser und vor allem durch die Standardisierung sowohl der Inhalte, als auch der Produktionsprozesse.
Als Genre hatte sich neben den Slapstick- und den – von Wilhelm Busch inspirierten – Lausbubenserien die soap opera etabliert. In der 1918 begonnen Serie Gasoline Alley von Frank King kam es zum ersten Mal vor, dass ein Charakter alterte und so die Erzählzeit im Comic über den Moment hinausging und längere Zeiträume umfasste.
Hearst hatte 1915 das King Features Syndicate gegründet, um die Vermarktung an die verschiedenen Zeitungen landesweit besser koordinieren zu können. Andere Syndikate für die Vermarktung entstanden ebenfalls. So kam es, dass nur wenige Zeitungen eigene Zeichner für Comics beschäftigten. Dies erhöhte die Reichweite der comic strips und ließ einen nationalen Markt entstehen.
Zwischen 1930 und 1940 beginnt die Entwicklung des Comics neu. Während die humorvollen comic strips weiterhin eine große Popularität beim breiten Publikum besaßen, entstand mit den comic books ein ganz neuer Zweig der graphischen Literatur. Neben den beliebten Pulp Romanen wurden sie zu einer eigenständigen Ware und koppelten sich von den Zeitungen ab. Im Action Comic No. 1 von 1938 trat auch eine der bekanntesten Gestalten des Comics erstmals auf – Superman. Mit den Superhelden schloss eine Entwicklung ab, die schon vorher begonnen hatte. Als Flucht aus der Alltagsmisere der Wirtschaftskrise boten sich die Pulps an. Die comic strips adaptierten deren Inhalte von Abenteuer und Verbrechen. Dafür wurden die Zeichnungen und die Gestaltung dynamischer und actionlastiger. Eingesetzt wurden Soundwörter sowie gewagte Layouts und ein realistischer Zeichenstil.
Die Hochzeit der Superhelden von 1938 bis 1953 wird als das „Golden Age of Comics“ bezeichnet. Das comic book hatte sich als Jugendliteratur etabliert und existierte neben den auch heute noch allgemein populären Zeitungsstrips. Der Weg der Comics in eine Subkultur war eingeschlagen.